Die Straßenverhältnisse sind großartig, richtig glatter Asphalt, ohne Rillen, ohne Löcher und, was noch angenehmer ist, relativ wenig Verkehr. Ich drehe richtig auf. 70, 80, 90 km/h, unglaublich und mit welcher Leichtigkeit. Mein Entschluss steht fest, ich werde gleich durch bis Panjim fahren, galoppierende Pferde soll man nicht stoppen (Alter Ind(ian)erspruch).

Abgesehen von zwei kleinen Kaffeepausen geht's ohne Hindernisse Goa entgegen. Nur ein Problem quält mich, und das ist mein schmerzender Hintern. Seit etwa zwei Stunden nimmt der Schmerz ständig zu. Ich muss immer wieder kleine, fünfminütige Pausen einlegen, dann geht es wieder. Ich muss mal schauen, ob es nicht eine bessere Sitzbank gibt. Gegen 1:00 bin ich nur noch 80 km von Panjim entfernt. Ich will das Bike noch heute zur Inspektion bringen und morgen einen Tag in Baga verbringen.

Da, plötzlich ein lautes, metallisches Kreischen, die Maschine ruckt, nimmt kein Gas mehr an, der Motor blockiert, schlagartig komme ich zum Stehen. Hupps, was war das? Mein Gehirn arbeitet wie ein durchgedrehtes Uhrwerk, Kolbenfresser, Ventil abgerissen, Pleuellager verreckt? Erstmal das Motorrad abstellen und ruhig durchatmen. Ich versuche die Maschine anzutreten, kein Mucks, In the middle of nowhere! Nein, hier möchte ich nicht übernachten.aber sie lässt sich drehen, also kein Kolbenfresser, jedenfalls kein totaler. Alle Versuche sie wieder ans Laufen zu bekommen sind jedoch umsonst. Keine einzige Zündung.

Vielleicht sind die Zündkontakte verbacken. Also Verteilerdeckel runter und nachschauen. Nein, das ist es nicht, der Abstand stimmt genau. Ich schraube die Zündkerze raus, vielleicht kann man dort etwas erkennen. Nichts, zu meiner Freude stimmt die Verbrennungsfarbe jetzt auch einigermaßen, schön grau. Vorsichtshalber mal nach dem Öl gucken, na ja, nicht mehr gerade voll aber noch über min. Was ist nur los? Ich befinde mich im Niemandsland 20 km hinter Karwar. Ich stelle mir vor, die Nacht hier verbringen oder die Mühle 20 km zurückschieben zu müssen, beides nicht akzeptabel.

Ein erneuter Versuch, kein Gas geben, nur feste treten. Ha, was war das? Da war eine Zündung! Hoffnung gräbt sich aus den Tiefen meines Bauchs und liebkost mein geschwächtes Selbstbewusstsein, weckt frische Kräfte und lässt mich mit ungeahnten Kräften den Kickstarter herunterwuchten. Noch mal, noch mal, noch mal. Der Schweiß rinnt mir von der Stirn, mein Hemd ist durchnässt. Staub und Schweiß bilden eine krustiges Gemisch und lassen mich aussehen wie einen Straßenarbeiter nach 10 Stunden Gewühle im Dreck. Da, wieder eine Zündung, zwei, drei. Ein wenig Gas. Blubb und weg ist sie. Macht nichts! Weiter treten, mit Gefühl den Gasgriff bedienen, sanft, zart drehen, tock, tock, tock - da ist sie, sie läuft, sie läuft! Aufsitzen und los. Doch etwas ist anders, da ist ein neues Geräusch. In das gewohnte Bullet-Tock-Tock-Tock mischt sich ein unheilverkündendes Tick-Tick-Tick. Sind das die Ventile? Nein, die hören sich anders an. Das Pleuellager? Ja, das wird's sein, das würde alles erklären. Ok, also schön sachte. Es sind ja nur noch 80 km.

Relativ problemlos bringe ich die Strecke hinter mich. Das "Nova Goa" hat ein Zimmer frei, einchecken, kurz waschen und ab zu "Auto Guides". Fröhliches Hallo. Der Chef persönlich macht eine Probefahrt und kommt mit sorgenvoller Mine zurück. Heute seien sie voll, ich soll morgen um 9:00 Uhr wiederkommen, sie müssen den Motor öffnen wegen des Geräuschs. Damit kann ich leben.

Zurück im Hotel lese ich im Reiseführer, was es in Panjim so zu sehen gibt. Ich bekomme Lust, einen auf Sightseeing-Tourist zu machen und stiefele los. Zunächst nach Fontainas, dort soll es noch originale Häuser aus der Portugiesenzeit geben. Auf dem Weg finde ich eine uralte Schule. Der Klassenraum einer alten, ziemlich verfallenen Schule in Panjim.Ich hoffe nur, dass sie nicht mehr in Betrieb ist, denn das wäre die totale Zumutung für die Kinder. Auf jeden Fall ist sie sehr fotogen. Später finde ich heraus, dass sie tatsächlich noch als Schule genutzt wird. Dann schlendere ich durch enge Gässchen, mache ein Menge Aufnahmen, komme schließlich am Schiffsanleger an, beteilige mich an einer einstündigen Rundfahrt auf dem Mandovi River und kehre ziemlich müde zurück zum Hotel.

Auch hier ist das Essen hervorragend, Fish Tikka, Ladyfingers und Nan. Ich verputze alles bis auf den letzten Tropfen Gravy und fühle mich angenehm gesättigt. Doch möchte ich mir noch ein wenig die Beine vertreten und begebe mich ins nächtliche Panjim. Wie anders sieht diese Stadt im Dunkeln aus. Alle verräterischen Details, Zeugen, wie sehr Verfall und mangelnde Pflege an der Stadt nagen, werden verdeckt vom Schleier der Dämmerung. Die wenigen Straßenleuchten lassen nur Umrisse erkennen und das Spiel von Licht, Halbdunkel und Schatten gaukelt eine geheimnisvolle Schönheit vor.

Waschritual vor dem Stadtbrunnen.Aus der Ferne dringen seltsame Töne an mein Ohr. Ich folge dem Klang, und immer deutlicher unterscheide ich Gesang, das Leuten kleiner Glöckchen und wie willkürlich dazwischengeworfen das tiefe, durchdringende Dröhnen eines Blasinstruments, das mich an ein Alpenhorn erinnert. Dieses Tuten scheint sich völlig außerhalb der restlichen Musik zu befinden. Es erklingt weder im Rhythmus der Singenden noch wirklich arhythmisch sondern eher darüber, jenseitig schwebend, und auch die Tonhöhe korrespondiert in keiner Weise zum Klang der anderen.

Ich biege um die nächste Straßenecke und sehe in einiger Entfernung ein kleines, hellerleuchtetes Gebäude. Langsam komme ich näher. In dem Gebäude stehen und sitzen gläubige Hindus und sind in tiefer Andacht in ihr Musizieren vertieft. Barfüßig, mit gefalteten Händen haftet ihr Blick an etwas im Innern der Raumes, dass ich von meiner Position aus nicht erkennen kann. Zahllose Räucherstäbchen verbreiten ihren süßlichen Duft. Ich halte mich ganz im Hintergrund, ich möchte durch meine Anwesenheit nicht die Andacht der Betenden stören und lasse die unheimliche Atmosphäre auf mich wirken. Nach einer Weile entferne ich mich langsam und kehre wie in Trance zurück zum Hotel.

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