Um sechs piept der Wecker. Ich bin noch müde, raffe mich auf und bereite mich auf die Abreise vor. Erstaunlich schnell ist alles gepackt, na ja, ist ja auch nicht viel.

Endlich "on the road again". Doch da mache ich eine ganz neue Indienerfahrung. Goa im NebelIch bin bei herrlichem Sonnenschein losgefahren. Langsam bildet sich ein zunächst ganz dünner und dann immer dichter werdender Nebel. Eine unheimliche Stimmung breitet sich aus. So habe ich diese Gegend noch nicht erlebt. Man kann keine 50 Meter weit sehen, die Stämme der Palmen sind ganz eingehüllt in den grauen Schleier, nur die Palmblätter ragen oben heraus. Ich schalte vorsichtshalber das Licht ein. Kalt wird es und feucht. Mein Visier beschlägt. So geht es bis etwa 10 km südlich von Panjim. Dann reißt der Nebel ganz plötzlich auf und der übliche, strahlende Sonnenschein beherrscht die Szene.

Ich bleibe auf dem NH17. Meine ursprünglichen Pläne, auf kleineren Straßen entlang der Küste zu fahren, verwerfe ich, ich will mal wieder ein Stück vorankommen. Der Highway ist hier erstaunlich gut ausgebaut und auch die Verkehrslage ist erfreulich ruhig. Ich drehe die Maschine mal richtig auf und komme immerhin auf stolze 80 km/h. Dann gehe ich wieder auf 60 runter, schließlich befinde ich mich ja noch immer in der Einfahr-Phase, und so mutig wie Walter bin ich noch nicht.

Es geht durch ziemlich bergiges und kurvenreiches Gelände, so recht nach dem Geschmack eines Motorradfahrers. Um kurz nach 10 erreiche ich Palolem. Hier gefällt es mir aber gar nicht. Ein CC mit Fax gibt es auch nicht, also gleich weiter. Im nächsten Dorf finde ich ein öffentliches Faxgerät und erreiche Herrn Rahim. Der gibt unverhohlen zu, dass er das Fax gestern nicht geschickt hat. Ich verzichte darauf ihn nach einem Grund zu fragen. Hauptsache er schickt es jetzt ab. Einen Mangosaft später halte ich tatsächlich meine Registrierungsunterlagen in Händen. Ich kann es kaum glauben. Erleichtert und um eine Sorge ärmer setze ich meine Fahrt fort. Ich beschließe, in Gokarn Halt zu machen. Knapp zwei Stunden später erreiche ich mein Ziel. Am Ortseingang werde ich angehalten, und man verlangt eine Art Eintrittsgeld. Es finde ein Festival zu Ehren Krishnas statt, und jeder müsse diese Gebühr zahlen, drei Rupies für mich, fünf für das Motorrad.

Was dann kommt, kann man kaum beschreiben. Die Dorfstraße, Eine Pilgerfamilie am Straßenrand in Gokarn. Alle lassen sich gerne fotografieren und bringen sich in Pose.ohnehin nicht sehr breit, wird zu beiden Seiten gesäumt von Verkaufsbuden, in denen neben den üblichen Souvenirs alle möglichen religiösen Utensilien feilgeboten werden. Vor den Buden jedoch, auf dem Boden, lagern in unüberschaubarer Zahl Pilger und strecken ihr Hände um milde Gaben aus. Dazwischen, in der Mitte, bleibt eine schmale Rinne, durch die sich Massen von Pilgern und Rucksack-Touristen quetschen. Und zusätzlich nun auch noch ich mit meinem in seinen Dimension nicht gerade bescheidenen Moped. Im Schritttempo komme ich voran. Es scheint sich aber niemand wirklich darüber zu wundern, und tatsächlich kommen mir gelegentlich, allerdings mit einigem Zunder, andere Mopeds entgegen gerast.

Irgendwie, ich bin ganz benommen, komme ich am Ende des Ortes an. Die Straße mündet direkt auf den Strand. Als ich mich umsehe, entdecke ich, dass ich genau vor einem sehr einfachen Hotel stehe. Ich will schon wieder aufbrechen, besinne mich dann aber, kehre um und parke die Maschine. Warum nicht mal ganz bescheiden übernachten? Es ist ein Zimmer frei für 200 Rs. pro Nacht, und es ist nicht mal so schmutzig, wie ich befürchtet hatte. Erinnerungen an meine erste Indienreise im Jahre 1971 werden wach.

Nachdem alles Gepäck untergebracht ist, stelle ich die ersten Nachteile einer solchen billigen Unterkunft fest. Daran muss ich mich jetzt erst wieder gewöhnen. Es gibt keine Seife, kein Handtuch, keine Bettwäsche. Klar, diese Dinge hat der richtige Rucksackreisende natürlich dabei, darauf bin ich aber nicht eingestellt. Ich beschließe, mir die fehlenden Utensilien zu kaufen.

Ein Erkundungsgang führt Richtung Strand und in die Berge. Der Strand von GokarnEs ist brüllend heiß und ich habe das Gefühl, dass sich auf meiner Stirn eine braune, knusprige Kruste bildet. Die Landschaft ist sehr rau. Schroffe schwarze Felsbrocken, dazwischen dürre Dornensträucher und überall rotes Geröll. Die Felsen fallen steil ins Meer ab. Ich setze mich eine Weile auf einen der Felsen und lasse die Stimmung auf mich wirken. Kurz bevor ich gar bin, beschließe ich wieder zurück ins Dorf zu gehen und mich dort umzusehen.

Der Gang an den Pilgern vorbei ist wie Spießrutenlaufen. Jeder streckt die Hand fordernd aus. Die Szene ist unglaublich malerisch. Ich könnte pausenlos fotografieren. Nachdem ich den ersten Pilgern die Ergebnisse auf dem Monitor der Kamera gezeigt habe, ist der Bann gebrochen. Es lebe die digitale Fotographie. So entstehen ein paar nette Aufnahmen.

Langsam wird es dunkel. Zum Sonnenuntergang will ich wieder am Strand sein Das halbe Dorf scheint wie ich die Abendstunden am Strand erleben zu wollen. Jedenfalls ist er übersäht von Menschen.

Als es ganz dunkel ist, gehe ich im "Green Sea Cafe" essen, "Kingfish Massala" mit "Knoblauch Nan". Pilger und Schmuckhändler beim nächtlichen Plausch.Ich möchte lieber nicht wissen, was sich alles in dem Massala befindet, esse aber alles tapfer auf. Es schmeckt auch ganz klasse. Dazu gibt es zwei eiskalte Flaschen Kingfisher, ein ausgezeichnetes indisches Bier. Nach dem Essen mache ich mich erneut zu einem Gang durch das Dorf auf. Wie erwartet umgibt mich eine ganz neue Stimmung. Es ist leerer geworden. Dumpfe Gesänge tönen aus den zahlreichen Tempeln. Glockengeläut, Trommelschlagen. Pilger in ihren orangen Wickelröcken und Hemden huschen durch die Gassen. Ein Umzug mit grell lauter Musik Eingang zum Tempel in Gokarn. Betreten für Nicht-Hindus und Fotografieren streng verbotenzerreißt die mystische Stille. Gläubige werfen sich einem Erleuchteten zu Füßen, falten ehrfürchtig vor ihm die Hände und erhalten ein paar gelbe Blüten aufs Haupt gestreut.

Ich flaniere an den Buden vorbei und flachse mit ein paar Verkäuferinnen, kaufe Ketten und Armreife für meine Töchter und komme endlich ziemlich müde im Hotel an. Kaum liege ich im Bett, bin ich auch schon eingeschlafen. Mein letzter Gedanke, angesichts der unglaublich harten Unterlage, auf der ich mich betten muss, ist, morgen doch weiterzufahren und nicht den Höhepunkt von Krishnas Geburtstagsfest, den Wagenumzug, abzuwarten.

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