
Größer kann ein Gegensatz kaum sein. Morgens noch quäle ich mich durch die klebrig ätzende,
giftig brodelnde Luft Bombays und nun, eine Tagesreise später, wandere ich durch saftiges Grün und atme tief kühle, frische, beinahe staubfreie Bergluft. Ist dies das gleiche Indien? Ja, ich befinde mich in der Hill Station Mahabaleshwar, 230 km südöstlich von Bombay. Doch vor meiner Ankunft hier liegt eine achtstündige Fahrt mit meiner Enfield, die Feuertaufe, und die Berührung mit den schlimmsten Slums, die ich je erlebt habe.
Geschlagene zwei Stunden fahre ich durch die Elendsviertel auf dem Weg zur Bombay-Puna-Road. Links und rechts säumen Armenhütten die Ausfallstraßen. Was sage ich, Hütten?! Plastikplanen, notdürftig über Stöcke und Äste gespannt. Davor ergießt sich eine Mischung aus Schlamm, Müll und menschlichen wie tierischen Exkrementen. Der Gestank ist unbeschreiblich.
Langsam wird die Besiedlung dünner. Es ist schon 9:00 Uhr. Obwohl die Sonne gegen 7:00 aufgeht, ist kaum etwas von ihr zu sehen. Mich fröstelt - ich habe eine Gänsehaut. Die Abgas- und Staubwolke über Bombay lässt den schwachen morgendlichen Sonnenstrahlen keine Chance.
Endlich befinde ich mich außerhalb der Stadt, es wird wärmer. Ich blicke zurück und traue meine Augen nicht. Eine dunkle graue Wolke liegt hinter mir. Irgendwo dadrin muss Bombay sein. Noch halb benommen fahre ich weiter. Die Enfield tuckert brav vor sich hin.
Schmerzhaft fällt mir auf, dass ich bei meiner Reiseplanung zwei Dinge nicht bedacht habe: erstens, dass eine neue Enfield noch richtig eingefahren werden muss. Das bedeutet, die ersten 500 km nicht schneller als 40 km/h und dann noch 2500 km nicht schneller als 50 km/h.
Zweitens, dass ich pro Tag etwa sechs bis acht Stunden auf dem Hobel sitzen werde, und das unter brennender Sonne. Da ich nur kurzärmlige Hemden und T-Shirts bei mir habe. sind meine Unterarme gegen Mittag so rot, dass jeder Krebs vor Neid erblassen würde. Bei nächster Gelegenheit werde ich mir also ein paar langärmelige Hemden kaufen, und zwar dunkel gemusterte.
Ein Drittes fällt mir nämlich bei einem Zwischenstopp auf: mein Hemd ist mit einem dunkelgrauen Schleier überzogen. Die Luft, auch außerhalb Bombays, ist so staubig, dass die Klamotten im Handumdrehen reif für die Waschmaschine sind. Ich möchte nicht wissen, wie es in meiner Lunge aussieht.
Die Strecke führt mich durch abwechslungsreiche Landschaften, verdörrte Steppen, saftige Reisfelder, ausgetrocknete Flussbetten, randvolle Stauseen. Maharashtra hat von allem etwas zu bieten. Da es hier, im Gegensatz zu manch anderen Teilen Indiens, Ortseingangschilder gibt, weiß man immer, wo man gerade ist. Ich fahre von Bombay nach Panvel und weiter durch Pen, Mahad, Poladpur nach Mahabaleshwar.
Die schönste Strecke ist die von Poladpur
nach Mahabaleshwar. Man verlässt den National Highway 17 (NH17) und folgt einer kleinen Straße in die Berge. In endlosen Serpentinen windet
sich die Enfield den Berg hinauf. Jede Kurve ist ein Abenteuer. Du kannst alles vergessen, was du je über Straßenlage, Kurvenstabilität und
ähnliches modernes Zeug gehört und gelesen hast. Die Enfield will davon nichts wissen. Du fährst irgendwie in die Kurve rein, versuchst Dich
möglichst stramm darin zu halten, immer in der Hoffnung, dass dir kein überholender LKW entgegen kommt. Die einfahrbedingte Geschwindigkeitsbegrenzung
auf 40 km/h wirkt kaum störend. Ich fahre ohnehin meist zwischen 30 und 40 km und komme mir doch so vor, als würde ich fliegen.
Nach etwa acht Stunden erreiche ich wohlbehalten Mahabaleswar und finde nach kurzem Suchen das Hotel Surya Resort. Nach dem Check-In stürze ich mich als erstes unter die Dusche. Eine solche Brühe habe ich das letzte Mal als 10jähriger produziert, als ich vom Fußballspielen auf matschigem Rasen nach Hause kam.
Ein zweistündiger Spaziergang führt mich durch die saftig grün bewaldeten Berghänge um Mahabaleshwar und vorbei an einem, zur Zeit nur wenig Wasser führenden Wasserfall. Ich könnte noch lange weiter wandern, will aber vermeiden, bei völliger Dunkelheit nach Hause zu gehen.
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